Schmerz ist ein Output kein Input

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Schmerz ist ein Output kein Input Patrick Ehrenberger / 9. April 2025 / Allgemein Stell dir vor, du kommst zum Physiotherapeuten mit Rückenschmerzen. Beim letzten Mal lief alles gut, es wurde besser, Bewegung war möglich. Dann machst du ein MRT, der Arzt schaut dich mit ernster Miene an und sagt: „Sie haben einen Bandscheibenvorfall.“ Plötzlich kannst du nicht mehr gerade stehen. Deine Schmerzen sind schlimmer als je zuvor, du gehst krumm und hältst dich am Türrahmen fest. Doch Moment mal – was ist eigentlich wirklich passiert? Die Diagnose hat nichts an deinem Rücken verändert. Kein Nerv wurde plötzlich gequetscht, keine Bandscheibe ist über Nacht weiter herausgerutscht. Der einzige Unterschied ist, dass dein Gehirn jetzt eine neue Geschichte über deinen Körper erzählt. Eine, die sagt: „Kaputt!“ – und auf einmal tut es wirklich weh. Genau da fängt das eigentliche Problem an. Schmerz ist nicht einfach ein Signal aus dem Körper, sondern das Ergebnis einer komplexen Berechnung deines Gehirns. Und manchmal macht dein Hirn ein paar Rechenfehler. Also lass uns eintauchen in das, was Schmerz wirklich ist – eine hochkomplexe Simulation des Gehirns, die viel mehr mit Erwartung, Erfahrung und Emotionen zu tun hat, als du denkst. Lange dachten wir, Schmerz sei einfach ein Alarmsystem. Du haust dir den Zeh an, das Signal wird über die Nervenbahnen ans Gehirn geschickt, dort kommt es an, und BÄM – Schmerz. Aber dann kamen Neurowissenschaftler wie Ronald Melzack, Lorimer Moseley und Eric Cobb und sagten: „Nein, nein, das ist viel zu simpel.“ Denn in Wahrheit funktioniert Schmerz nicht wie eine Glocke, die bei Verletzungen automatisch losgeht, sondern wie eine Vorhersage des Gehirns darüber, ob du dich schützen solltest oder nicht. Nozizeption vs. Schmerz | der grosse Unterschied Dein Körper hat Nozizeptoren – Nervenendigungen, die auf gefährliche Reize reagieren (Hitze, Druck, Säure etc.). Diese Nozizeptoren senden Gefahrensignale ans Gehirn – aber das ist nicht gleichbedeutend mit Schmerz. Erst das Gehirn entscheidet, ob diese Signale wichtig genug sind, um Schmerz zu erzeugen. Das erklärt, warum du dich in einer Extremsituation verletzen kannst, aber nichts merkst, bis der Stress nachlässt. Oder warum manche Menschen massive Verletzungen haben und trotzdem kaum Schmerzen spüren – während andere eine vermeindliche Kleinigkeit haben und sich vor Schmerzen winden. Die Schmerzmatrix | dein Gehirn entscheidet, wann du leidest Und hier kommt die große Erkenntnis: Es gibt kein einzelnes Schmerzzentrum im Gehirn. Stattdessen gibt es ein riesiges Netzwerk von Hirnarealen, das Ronald Melzack die Neuromatrix nennt. Diese Matrix besteht aus mehreren Teilen, die Schmerz gemeinsam erzeugen: 1️⃣ Somatosensorischer Kortex – Wo tut es weh? 2️⃣ Limbisches System – Wie schlimm fühlt es sich emotional an? 3️⃣ Präfrontaler Kortex – Sollte ich mir Sorgen machen? Das bedeutet: Schmerz ist eine hochgradig individuelle Simulation deines Gehirns. Hast du schlechte Laune, bist gestresst oder hast Angst, dann bewertet dein Gehirn das Nozizeptor-Signal viel bedrohlicher, und der Schmerz steigt. Bist du hingegen abgelenkt oder gut gelaunt, wird der Schmerz schwächer oder verschwindet sogar ganz. Deshalb funktionieren auch Placebo-Effekte – wenn du glaubst, dass eine Pille hilft, senkt dein Gehirn das Schmerzsignal einfach ab. Und genau deshalb kann Schmerz auch existieren, wenn es gar keine strukturelle Ursache gibt (z. B. Phantomschmerzen nach einer Amputation). Lorimer Moseley: Dein Schmerz ist ein Fehlalarm Der australische Schmerzforscher Lorimer Moseley beschreibt Schmerz als einen überempfindlichen Rauchmelder. Stell dir vor, dein Rauchmelder schlägt Alarm, sobald du eine Kerze anzündest. Oder noch schlimmer: Er bleibt an, obwohl das Feuer längst gelöscht ist. Genau das passiert bei chronischen Schmerzen: Dein Gehirn hat gelernt, viel zu früh Alarm zu schlagen – selbst wenn keine akute Gefahr mehr besteht. Warum ist das so? Unser Gehirn ist formbar – es passt sich ständig an. Diese Fähigkeit nennt man Neuroplastizität. Sie ist grundsätzlich etwas Gutes, doch bei chronischem Schmerz wird sie zum Problem: Das Gehirn „lernt“ den Schmerz und verstärkt die entsprechenden Netzwerke immer weiter. Je länger das dauert, desto schneller und intensiver schlägt der Alarm – auch ohne körperliche Ursache. Bewegungsvermeidung, ständiges Grübeln oder Angst vor dem Schmerz geben dem Gehirn dann nur noch mehr Gründe, im Alarmmodus zu bleiben. Die gute Nachricht: Was das Gehirn gelernt hat, kann es auch wieder verlernen.Durch gezielte Bewegung, neue Reize und mentale Strategien kannst du ihm beibringen: „Es ist alles okay. Du kannst den Alarm ausschalten.“ Spiel | das beste Schmerzmittel, das du nicht nutzt Jetzt könnte man denken: „Okay, dann muss ich mich halt zwingen, durch den Schmerz hindurchzugehen.“ Aber das ist genau der falsche Ansatz. Der beste Weg, Schmerz zu reduzieren, ist viel eleganter: Spiel. Klingt komisch? Ist es aber nicht. Schmerz ist ein Output des Gehirns, und dein Gehirn ist ein Muster-Erkennungs-Organ. Es liebt Gewohnheiten, Routinen und Vorhersehbarkeit. Wenn du also immer wieder dieselbe Bewegung machst und dabei Schmerzen erwartest („Immer wenn ich meinen Arm so hebe, tut es weh“), dann verstärkt dein Gehirn dieses Muster. Aber was passiert, wenn du die Bewegung anders ausführst? Hier kommt das Prinzip der externen Ziele ins Spiel, das in der Neuroathletik verwendet wird: Anstatt zu sagen „Hebe den Arm“, lass die Person mit einem Laserpointer ein Muster an der Wand nachfahren. Anstatt „Beug das Knie“, spiel mit einem Ball, der den Fokus von der Bewegung selbst ablenkt. Was passiert? Plötzlich ist die Bewegung schmerzfrei. Warum? Weil dein Gehirn nicht mehr darauf wartet, dass es wehtut. Es ist mit einer neuen Aufgabe beschäftigt und umgeht die gewohnte Schmerzschleife. Wie du dein Gehirn ueberlisten kannst | Strategien gegen Schmerz Hier sind ein paar effektive Wege, wie du aus der Schmerzspirale ausbrechen kannst: 1️⃣ Schmerzedukation – Wissen ist Macht Allein das Verständnis, dass Schmerz eine Hirnreaktion ist, kann helfen. Dein Schmerz ist echt – aber das heißt nicht, dass dein Körper zerstört ist. 2️⃣ Bewegung – aber clever Zu viel Schonung verstärkt Schmerz – dein Gehirn denkt: „Aha, wir vermeiden das, weil es gefährlich ist.“ Aber auch zu aggressive Bewegung kann das Nervensystem weiter hochfahren. Die Lösung? Spielerische Bewegung mit externen Zielen. 3️⃣ Sensorik trainieren Riechtraining, Augentraining oder Gleichgewichtsübungen können das Nervensystem entspannen und die Schmerzmatrix beruhigen. Denn je mehr Sinne integriert werden, desto

Neuroathletik: Warum unser Gehirn der Schluessel zu besserer Bewegung ist | Ein Gespraech mit Sebastian Rieder

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Neuroathletik: Warum unser Gehirn der Schluessel zu besserer Bewegung ist – Ein Gespraech mit Sebastian Rieder Patrick Ehrenberger / 9. April 2025 / Allgemein In einer der letzen Humanimal Talks Podcast-Folge haben wir mit Sebastian Rieder über ein Thema gesprochen, das gerade im Sport und in der Therapie für Furore sorgt: Neuroathletik. Sebastian, der selbst CrossFit-Boxen in Wien betreibt und Neuroathletik-Trainer ist, gab uns spannende Einblicke in die Welt des neurozentrierten Trainings – einem Ansatz, bei dem das Gehirn im Mittelpunkt steht. In diesem Blogbeitrag erfahrt ihr, was Neuroathletik ist, wie Sebastian sie in seiner Arbeit einsetzt und warum dieser Ansatz Training und Therapie revolutioniert. Was ist Neuroathletik? Neuroathletik-Training basiert auf der Erkenntnis, dass unser Gehirn sämtliche Bewegungen steuert. Während klassisches Training oft an Muskeln, Gelenken oder der Biomechanik ansetzt, geht Neuroathletik einen Schritt weiter: Es betrachtet die „Software“ – also das Nervensystem – als entscheidenden Faktor. Wenn das Gehirn nicht die richtigen Informationen erhält, entstehen Bewegungsprobleme, Schmerzen oder Leistungseinbußen. Im Podcast erklärte Sebastian, dass er durch seine Arbeit mit Sportlern immer wieder an Grenzen stieß. „Ich dachte, ich bin ein guter Trainer, aber es gab Fälle, bei denen ich einfach nicht weiterkam“, erzählte er. Erst als er sich mit Neuroathletik beschäftigte, erkannte er, dass das Problem oft nicht beim Muskel, sondern bei der Informationsverarbeitung im Gehirn lag. „Das war ein totaler Paradigmenwechsel für mich.“ Vom Kampfsport zur Neuroathletik: Sebastians Weg Sebastian Rieder kommt aus dem Kampfsport, hat Mathematik und Physik mit Schwerpunkt Biomathematik studiert und betreibt drei CrossFit-Boxen in Wien. Sein Weg zur Neuroathletik begann, als er merkte, dass er bei manchen Kunden mit herkömmlichen Methoden nicht weiterkam. „Es gab Fälle, die mich vor Rätsel gestellt haben – zum Beispiel ein HNO-Arzt mit extremem Blutdruck bei minimaler Belastung oder Sportler, die trotz Training keine Fortschritte machten“, erinnerte er sich im Podcast. Erst durch den neurozentrierten Ansatz fand er Lösungen. Heute setzt er Neuroathletik gezielt ein, um Bewegungsqualität zu verbessern und Verletzungen vorzubeugen. Besonders beeindruckend: Sebastian arbeitete sogar kurz vor der WM mit vier Spielern des österreichischen Nationalteams – und setzte dabei voll auf Neuroathletik. Wie Neuroathletik funktioniert Im Gespräch erklärte Sebastian, dass Neuroathletik drei große Säulen hat: Visuelles System: Die Augen liefern den Großteil der Informationen an unser Gehirn. Wenn ein Athlet Probleme hat, schnelle Bewegungen zu verfolgen, leidet seine gesamte Leistung. „Ich habe erlebt, wie durch einfaches Augentraining sofortige Verbesserungen erzielt wurden“, so Sebastian. Vestibuläres System: Unser Gleichgewichtsorgan im Innenohr sorgt dafür, dass wir stabil stehen und uns sicher bewegen. „Ein junger Eishockey-Spieler fühlte sich ständig verloren auf dem Eis. Wir fanden heraus, dass ein Gleichgewichtskanal im Innenohr nicht optimal funktionierte. Nach ein paar Übungen war er wie ausgewechselt“, berichtete Sebastian im Podcast. Propriozeption: Sensoren in Muskeln und Gelenken geben dem Gehirn Feedback über unsere Körperhaltung und Bewegung. „Ich hatte mal einen Fußballer mit extrem schwacher Rumpfmuskulatur. Anstatt ihm Planks zu verordnen, habe ich sein Mittelhirn stimuliert – und plötzlich war die Stabilität da“, so Sebastian. Lars Lienhard und die Neuroathletik-Pioniere Natürlich kann man über Neuroathletik nicht sprechen, ohne Lars Lienhard zu erwähnen. Lienhard, ein Pionier in diesem Bereich, hat mit seinem Buch „Training beginnt im Gehirn“ und seiner Arbeit mit Spitzensportlern, darunter die deutsche Fußball-Nationalmannschaft 2014, den Grundstein gelegt. Auch Sebastian ließ sich unter anderem von Lienhards Ansatz inspirieren: „Der Lars hat einen extrem praxisorientierten Zugang, was mir total gefällt. Man geht aus seinen Seminaren raus und kann sofort loslegen.“ Doch Sebastian betont, dass Neuroathletik kein starres System ist: „Ich habe meinen eigenen Weg gefunden und probiere viel aus. Manchmal mache ich etwas intuitiv, ohne genau zu wissen, warum – und es funktioniert. Danach lese ich nach, warum das so war.“ Dr. Eric Cobb | Pionier der neurowissenschaftlichen Bewegungsoptimierung Ein weiterer bedeutender Vorreiter in der Welt der Neuroathletik ist Dr. Eric Cobb. Als Chiropraktiker mit einem Abschluss in Humanbiologie hat er umfassende Studien in Neurologie, Neurophysiologie, Schmerzmanagement, Ernährung, funktioneller Medizin, Kinesiologie und fortgeschrittenen Weichteiltechniken absolviert. In den frühen 2000er-Jahren entwickelte er das Z-Health Performance Education System, das neurowissenschaftliche Erkenntnisse in klassisches Athletiktraining integriert. Dr. Cobbs Ansatz stellt das Nervensystem in den Mittelpunkt und revolutioniert so das Verständnis von Bewegung und Leistungsfähigkeit. Durch seine wegweisenden Pionierarbeiten hat er Trainer und Therapeuten weltweit inspiriert, ihre Methoden zu überdenken und neu zu gestalten – ein entscheidender Schritt, der den Weg für moderne neurozentrierte Trainingskonzepte ebnete. Warum Neuroathletik ein Game-Changer ist Sebastian brachte es im Podcast auf den Punkt: „Früher habe ich biomechanisch gearbeitet – Kniebeuge muss so und so aussehen. Aber warum macht jemand eine Bewegung nicht optimal? Vielleicht, weil das Gehirn falsche oder unvollständige Informationen bekommt. Mit Neuroathletik ändere ich die Software, nicht nur die Hardware.“ Einer seiner besten Aha-Momente? „Ich habe mal eine Klientin mit alten Sprunggelenksverletzungen behandelt. Nach einer kurzen sensorischen Stimulation war ihre Hüftmuskulatur plötzlich viel stärker. Das war für mich mind-blowing.“ Neuroathletik im Alltag: Einfache Tipps zum Ausprobieren Sebastian hat im Podcast einen einfachen Neuro-Drill verraten, den jeder sofort ausprobieren kann: Reibt vor dem Training euren gesamten Körper ab – von den Füßen bis zum Kopf. Diese einfache Übung aktiviert die sensorischen Rezeptoren in der Haut und sorgt für ein besseres Körpergefühl. „Das dauert zwei Minuten und macht einen Riesenunterschied“, verspricht Sebastian. Neuroathletik lernen: Kurse und Workshops Für alle, die tiefer in die Neuroathletik eintauchen wollen, bietet Sebastian ab Juni in Wien Neuroathletik-Trainer-Ausbildungen an. „Unser Fundamentals-Workshop am 24./25. Mai gibt einen Überblick, und am 13. Juni starten wir mit den fünf Modulen der Neuroathletik-Trainer-Ausbildung“, verriet er im Podcast. Infos gibt’s auf der Homepage des Neuroathletik Training Instituts. Fazit: Neuroathletik ist die Zukunft des Trainings Unser Gespräch mit Sebastian Rieder hat eines klar gemacht: Neuroathletik ist kein kurzfristiger Trend, sondern ein fundamentaler Wandel im Training und in der Therapie. Egal ob im Spitzensport, in der Physiotherapie oder im Alltag – wer die „Software“ im Gehirn optimiert, kann Bewegungsqualität, Leistungsfähigkeit und sogar Heilungsprozesse enorm verbessern. Sebastian bringt es im Podcast perfekt auf den Punkt: „Wir sind keine Maschinen, sondern ein integriertes System. Neuroathletik gibt uns Werkzeuge an die Hand, um dieses System effizienter und gesünder zu

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