Der Dunning-Kruger-Effekt

Nach meiner kPNI-Ausbildung dachte ich ernsthaft, ich hab das Spiel durchgespielt. Ich war überzeugt, alles zu wissen. Ich stand ganz oben auf Mount Stupid.

Der Begriff kommt vom Dunning-Kruger-Effekt. Zwei Psychologen – David Dunning und Justin Kruger haben untersucht, wie Menschen ihr eigenes Wissen einschätzen. Das Ergebnis: Die, die am wenigsten wissen, sind oft am überzeugtesten. Und je mehr du wirklich lernst, desto bewusster wird dir, wie wenig du weißt.

Warum Idioten oft so ueberzeugt von sich sind?

Am Anfang lernst du ein bisschen, verstehst ein paar Zusammenhänge – und plötzlich denkst du, du bist allwissend. Du erzählst jedem, wie’s läuft, und hast das Gefühl, du hast das Universum durchschaut. In Wirklichkeit kratzt du gerade erst an der Oberfläche.

Das ist der Aufstieg auf Mount Stupid. Die Aussicht ist dort oben traumhaft – weil du bequem auf all die „Nichtwissenden“ hinunterschauen kannst. Reflexion und kritisches Denken sind oben übrigens ausverkauft.

Dann kommt der unvermeidbare Absturz ins Tal der Verzweiflung. Du begreifst, wie komplex alles wirklich ist, und zweifelst plötzlich an allem. Paradoxerweise weißt du in dieser Phase mehr als je zuvor, aber dein Selbstvertrauen ist im Keller.

Bleibst du dran, lernst Demut, und landest irgendwann auf dem Plateau der nachhaltigen Erkenntnis.

Dort wird’s ruhiger.

Du kannst einfach sagen: „Ich weiß es nicht.“

Warum reagieren wir eigentlich so positiv auf Bullshit?

Wir Menschen sind nicht auf Wissen programmiert, sondern auf Sicherheit. Sicherheit heißt: einfache Antworten, klare Schuldige, schnelle Lösungen. Komplexität macht Angst – und Angst sucht Halt.

Wenn uns jemand eine simple Geschichte liefert („So ist es und nicht anders“), greift unser Gehirn sofort zu. Social Media verstärkt das massiv: Kurze Clips, große Behauptungen, keine Einordnung. Halbwissen wird gefeiert, echte Expertise ist zu langsam für den Algorithmus. Mount Stupid ist leicht erreichbar. Echte Kompetenz ist mühsam, manchmal langweilig und selten sexy. Darum rennen so viele freiwillig den schnellen Weg rauf – und haben keine Ahnung, wie weit sie von echter Expertise entfernt sind.

Woran du Bullshit erkennst

Wenn ein Video beginnt mit 

„Dein Arzt will nicht, dass du das weißt“ oder
„Arzt packt aus: Die Wahrheit über XY“

,dann kannst du dir den Rest eigentlich sparen. Das ist zu 99 % Geschwurbel, Clickbait und Supplement-Werbung. Und ganz ehrlich: Wenn dir jemand weismachen will, dass nur diese eine Person, diese eine Gruppe oder diese eine Ausbildung eine exklusive Wahrheit kennt, dann kannst du zu ziemlich sicher davon ausgehen, dass genau das Gegenteil stimmt. Und ja – ein akademischer Titel schützt nicht vor Blödsinn. Es gibt genug Ärztinnen oder Professorinnen, die wissenschaftlich komplett danebenliegen. Und genauso gibt’s Menschen ohne Studium, die extrem gutes Wissen teilen, weil sie sich reingraben und kritisch bleiben.

Das soll kein Bashing gegen eine Profession sein – es soll lediglich das Argument untermauern, selbst nachzudenkenund Quellen zu checken. Das Internet ist Fluch und Segen gleichzeitig:

Noch nie war Wissen so leicht zugänglich und noch nie war kritisches Denken so selten.

Anti-Mount-Stupid-Strategie

Wenn du heute irgendetwas wirklich verstehen willst, brauchst du im Grunde nur vier Dinge:

  1. Demut– akzeptiere, dass du wenig weißt. Das ist kein Mangel, das ist der Startpunkt.
  2. Geduld & Aufmerksamkeitsspanne– echte Kompetenz braucht Zeit. Konsumieren ist nicht Lernen.
  3. Gute Quellen + Menschen, die dir widersprechen– Meta-Analysen, RCTs, Diskussionen, Gegenargumente. Nicht nur ein Influencer.
  4. Reflexion & Anwendung– Wissen ist wertlos, wenn du es nicht prüfst, hinterfragst und in die Praxis bringst.

Das ist die Anti-Mount-Stupid-Route.Langsam, mühsam, aber nachhaltig.

Mein Beispiel: Wenn du glaubst, du hast es verstanden hast du es wahrscheinlich nicht verstanden.

Konkretes Beispiel von mir zum Thema Ernährung:

Früher hab ich Patientinnen, Freundinnen, Kolleg*innen und halben Fremden auf der Straße stundenlang vorgepredigt, was alles „schlecht“ ist: Gluten, Milch, Zucker, Lektine, Omega-6, was auch immer gerade Trend war. Ich habe mit Begriffen um mich geworfen wie Dipeptidylpeptidase-4, Delta-6-Desaturase oder 5-Lipoxygenase einfach, um klug zu wirken. Ich hätte genauso gut vom „mitochondrialen Ninja-Pathway“ reden können, es wäre bei den Leuten genau gleich angekommen.

Heute muss ich drüber lachen.

Wenn du mich jetzt fragst, was bei Ernähung wirklich zählt, sag ich:

  • Schau auf deine Proteine (1,5–1,8 g pro kg Körpergewicht).
  • Iss genug Ballaststoffe (ca. 35 g pro Tag).
  • Halte deine Kalorien im Griff.

Das ist simpel. So simpel, dass es fast enttäuschend ist. Aber die großen Hebel sind selten kompliziert.

Natürlich gibt’s individuelle Unterschiede. Natürlich spielen Mikronährstoffe, Schlaf, Stress, Hormone, Psyche usw. eine Rolle. Aber die Basics bleiben die Basics.

Und ja: In fünf Jahren werde ich wieder etwas dazugelernt haben und manches anders sehen.

Das ist kein Rückschritt.

Das ist Wachstum!

Der wichtigste Satz!

„Ich weiß es nicht“ ist einer der mächtigsten Sätze, die ein Mensch sagen kann. Nicht, weil er Schwäche zeigt, sondern weil er Türen öffnet.

„Ich weiß es“ verschließt sie.

Die meisten Diskussionen scheitern nicht an Unwissen, sondern daran, dass alle ihr Ego steuern lassen statt ihr Hirn. Wenn wir öfter sagen würden „Keine Ahnung, lass uns nachschauen“,wären wir alle weiter. Und deutlich weniger oft auf Mount Stupid. Und genau hier passt ein Satz von Adam Grant, mit dem ich oft meine Seminare eröffne. Er bringt’s perfekt auf den Punkt:

„Das am meisten unterschätzte Instrument der Überzeugung ist Neugier. Eine natürliche Reaktion auf Meinungsverschiedenheiten besteht darin, die Meinung anderer anzugreifen. Eine einladendere Alternative besteht darin, sich wirklich von ihrer Denkweise faszinieren zu lassen. Neugier ist ansteckend. Wenn Verteidigung den Geist verschließt, kann Nachforschung ihn öffnen.“

Das ist im Grunde die Anti-Mount-Stupid-Haltung in einem Satz. Nicht verschanzen, nicht verteidigen, nicht besser wissen wollen:einfach neugierig bleiben.

PS: Wenn du mit mir auf den nächsten Gipfel willst – sag vorher Bescheid.

Ich hab mein Zelt noch vom letzten Mal oben stehen.

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